Die prokrastinierende Perfektionistin.

Wenn der Wunsch nach Perfektion uns davon abhält, überhaupt anzufangen.

Prokrastinierende Perfektionistin

Ich wollte eigentlich mit meinem Blog loslegen – und genau da ist wieder der Moment, in dem ich festhänge. Just in der Sekunde, in der ich diese Zeilen schreibe, würde ich sie eigentlich schon wieder löschen. Weiß ich denn überhaupt schon alles, was ich sagen möchte? Fehlen mir nicht noch gute Studien, die meine Gedanken untermauern? Sollte ich mir nicht erst ein Konzept bauen, Inhalte sammeln – und dann strukturiert schreiben?

Meine Gedanken rasen, überschlagen sich, überfordern mich. Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Ich lasse es liegen. Zurück bleiben Unzufriedenheit, Frust – und Stress. Vergessen sind in diesen Momenten all die Fähigkeiten, die Expertise und das Selbstvertrauen, die mir sonst Ansporn geben, endlich loszulegen.

Was passiert da eigentlich?

Was ist los – was passiert in kürzester Zeit innerlich, dass wir von höchster Motivation ins genaue Gegenteil kippen? Von „Ich kann das!“ zu „Ich kann gar nichts.“

Objektiv weiß ich: Ich bringe alles notwendige Handwerkszeug mit. Jahrelange persönliche Erfahrungen mit meinem heutigen Thema „Perfektionismus und hohen Leistungsansprüchen“, unzählige Bücher, Podcasts, Gespräche – und viele Coachingstunden, in denen ich Klient:innen genau bei diesem Thema begleitet habe. Und trotzdem ertappe ich mich immer wieder – wie jetzt beim Start dieses Blogs – im gleichen Muster. Ich will unbedingt anfangen, mache es mir aber unmöglich, nur einen Schritt weiterzugehen. Da ist diese Stimme, die leise zuflüstert: „Das ist nicht gut genug. Fang lieber gar nicht erst an.“

Die innere Lupe – Muster verstehen statt verurteilen

Was tun? Genau das, was ich im Coaching auch machen würde: die innere Lupe herausholen und genauer hinschauen, was im eigenen Denk- und Fühlsystem passiert. Unsere Gefühle und automatisierten Reaktionen sind in aller Regel viel schneller als unser Verstand. Auch wenn wir uns für rationale Wesen halten – am Ende sind wir doch primär emotionsgeleitet.

Bei der beschriebenen Blog-Situation passiert im Außen zunächst wenig. Es gibt den Willen (Blog schreiben) und die erste Handlung (die ersten Zeilen). Alles Weitere spielt sich im Inneren ab: Nach den ersten Zeilen fällt mir ein, dass ich noch andere Aspekte ergänzen wollte. Es darf ja schließlich nur raus, wenn alles enthalten ist, was zu diesem Thema gehört. Ich beginne, meine bisherigen Gedanken zu hinterfragen. Macht das dann überhaupt noch Sinn? Passt das noch zusammen? Dann setzt die innere Bewertung ein: „Was denkst du dir eigentlich? Du hast das doch gar nicht studiert. Andere sind doch viel besser, professioneller. Wer will das überhaupt lesen?“ Und am Ende landet der Gedanke dort: „Dann lieber gleich lassen.“

Kopfchaos. Gedankenkarussell. Überforderung. Stress.

„Der Kern des Problems ist nicht der Perfektionismus selbst, sondern die Angst vor der Konsequenz, wenn Perfektion nicht erreicht wird.“

Die prokrastinierende Perfektionistin – wenn Anspruch zur Blockade wird

Hier zeigt sie sich in voller Pracht: die prokrastinierende Perfektionistin. Basierend auf dem 5-Typen-Modell von Katherine Morgan Schafler lässt sie sich so beschreiben: Eine prokrastinierende Perfektionist:in ist zögerlich, selbstkritisch und denkt zu viel. Sie hat hohe Ansprüche an sich selbst – und schiebt Aufgaben auf, weil sie Angst hat, die eigenen Standards nicht zu erfüllen oder kritisiert zu werden.

Sie wartet auf den perfekten Moment, doch aus Angst zu scheitern, fängt sie oft gar nicht erst an. Obwohl sie um ihre Fähigkeiten weiß, verliert sie sich im Kopfkino, vergleicht sich ständig mit anderen und zweifelt an sich selbst. Dieses Verhalten ist kein Ausdruck von Faulheit, sondern ein Vermeidungsverhalten – geboren aus Stress, Angst vor Misserfolg und innerem Druck.

Der Kern des Problems ist damit nicht der Perfektionismus selbst, sondern die Angst vor der Konsequenz, wenn Perfektion nicht erreicht wird. In unserer leistungsorientierten Arbeitswelt ist das eine kaum erfüllbare Anforderung – mit fatalen Folgen: überzogenes Kontrollbedürfnis, Stresssymptome, Schlafschwierigkeiten, Grübelschleifen, körperliche Anspannung. Und am Ende: Nicht ins Tun kommen. Ein Teufelskreis, der die eigenen Ängste immer wieder bestätigt: „Ich kann es nicht. Ich bin nicht gut genug.“

Wiedererkannt?

Im Kleinen oder im Großen kennen viele dieses Muster. In einer leistungsgeprägten Gesellschaft, verstärkt durch Social Media, begegnet uns vermeintliche Perfektion ständig – und nährt das Gefühl, dass andere es irgendwie „besser hinbekommen“. Unsicherheit ist vorprogrammiert. Ein ganz passendes Zitat trifft diese zusätzliche Belastung von Außen auf den Punkt „Ein Grund, warum wir mit Unsicherheit zu kämpfen haben, ist, dass wir unsere Making-Of-Doku mit dem Best-of-Zusammenschnitt der anderen vergleichen.“ (Steven Furtick). True Story im Jahre 2026.

Was hilft, wenn du festhängst

Was also tun, wenn du merkst: Das bin ich – die prokrastinierende Perfektionistin? Häufig heißt es pauschal: „Einfach mal anfangen.“ Oder: „Fünf gerade sein lassen.“

Kleiner Hinweis: Das würden Betroffene längst tun, wenn sie könnten. Denn sie wissen genau, dass dieses Verhalten sie blockiert. Es geht nicht um Faulheit – sondern um Angst. Um die gefühlte Gefahr, bei „Unperfektion“ Anerkennung oder Zugehörigkeit zu verlieren. Der Selbstwert ist oft stark an äußere Bestätigung gekoppelt – und jede Abweichung vom Ideal bedroht dieses fragile Gleichgewicht.

Drei Wege, den inneren Druck zu lösen

  • 1. Beobachte Dich selbst. Wann tritt die prokrastinierende Perfektionistin bei Dir auf – und wann nicht?
  • 2. Achte auf Deine Gedanken und Körperreaktionen. Welche inneren Sätze tauchen auf, was fühlst Du körperlich?
  • 3. Denk die Angst zu Ende. Stell Dir die Worst-Case-Frage: Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte – und wie würdest Du damit umgehen?

Diese Übung hilft, den Raum zwischen Reiz und Reaktion zu vergrößern – und die Kontrolle über das eigene Handlungssystem zurückzugewinnen.

Nicht perfekt, aber fertig

Das sind nur wenige Ansätze – aber sie haben eines gemeinsam: Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen, innere Prozesse zu verstehen und sich selbst die Erlaubnis zu geben, unvollkommen loszulegen.

Ich kann sagen: Als selbst schwer betroffene „prokrastinierende Perfektionistin“ hat mir genau diese Arbeit geholfen, hier anzukommen – bei meinem ersten Blogbeitrag. Nicht perfekt. Aber fertig.

„Vielleicht ist das Wichtige gar nicht, endlich anzufangen – sondern erst einmal zu verstehen, warum es so schwer fällt, überhaupt anzufangen.“

Du kommst alleine nicht weiter? Ich unterstütze Dich gerne.

Trotz Reflexion und Mühe merkst Du, dass Deine inneren Muster Dich bremsen?
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